Kunstprojekts „Begegnungen“ in Timmel zu sehen
Ostfriesische Nachrichten
06/10/2006
Wj Timmel. Auf einem kleinen
Fernsehbildschirm, der auf einem der Sitzbänke steht, blickt ein Auge unruhig
hin und her. Wenn man sich umdreht, sieht man hinter sich ein riesiges
Portraitfoto einer weiß gekleideten Blondine, die sich mit einem Pinsel
hellrote Farbe auf ihr Dekolletee schmiert, An einer der Seitenwände hängen
schließlich drei kleine Fotos von Blumen, die mit einer feinen, akkurat
gezogenen Naht auf einer festen hellen Unterlage fixiert worden sind. Diese
Arbeiten, die zur Zeit in der Timmeler Petrus und Paulus Kirche zu sehen sind,
gehören zum ostfriesisch-niederländischen Kunstprojekt „Begegnungen“ (wir
berichteten) und stammen von Annegret Kellner, einer deutschen Künstlerin, die
es vor einigen Jahren nach Groningen gezogen hat.
Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner zwischen den eingangs beschrieben Werken von Annegret Kellner, fällt als erstes auf, dass es um lebendige Motive geht oder – im Kontext des Ausstellungsraums Kirche gesprochen - Schöpfungen Gottes. Die versuch uns die Künstlerin mit einer sehr intensiven Intimität nahe zu bringen. Das riesige, 50x65 Zentimeter (..) große Porträtfoto trägt zum Beispiel den viel sagenden Titel „Pinselstich“. Zunächst meint der Betrachter, die Frau auf dem Bild würde sich selbst verletzten, indem sie mit dem Pinsel gleichsam in die Haut hinein sticht. Was sie tatsächlich fühlt, wird allerdings nicht ganz klar. Denn Hand und Pinsel verdecken fast die Hälfte des Gesichtes, so dass sich keine konkrete Geste oder Mimik ablesen lässt. Vielleicht verspürt sie sogar ein bisschen Lust. Gleichermaßen lediglich zu erahnen ist, dass es sich vermutlich um ein ausgesprochen hübsches Gesicht handelt.
Genauso muss man beim Auge auf den Bildschirm, das, aufgenommen in einer
sich permanent wiederholenden Endlosschleife, mal direkt in die Kamera schaut
und mal nach oben oder zu Seite blickt, sich die Person dahinter und was sie
tief in ihrem Innersten bewegt quasi hinzu denken. Auch bei den Blumen fehlt
ein wichtige Komponenten, nämlich der Duft. Wenigstens kommt ihre optische Schönheit
dank der außerordentlich plastisch wirkenden Fotos sehr gut zum Tragen. Der
reine ästhetische Genuss wird nur von den wie Fesseln anmutenden Nähten jäh
durchkreuzt. Ein vergeblicher Versuch, Schönheit mit aller Gewalt zu
konservieren? Jedenfalls sind es just diese Gegensätze zwischen angenehmen und
unangenehmen Gefühlen, Schönheit und Schmerz, Schmerz und Lust, die Kellner zu
faszinieren scheinen. Dabei spielen Intimität, Sinnlichkeit und Sensualität
eine große Rolle, was die Präsentation ihrer Werke in einer Kirche zu einer
spannenden Angelegenheit gemacht. Hat doch ausgerechnet die Kirche gegenüber
Lustgefühlen und Sinnlichkeit oft eine ablehnende Haltung eingenommen und
vehement zu ihrer Unterdrückung beigetragen. Die Ambivalenz zwischen dem einerseits
guten, weil von Gott geschaffenen lebendigen Körper, der sich aber andererseits
immer wieder zu vermeintlichen sündigen Taten verführen lässt, ist für etliche
Menschen nach wie vor ein existentielles Dilemma. Ähnlich wie in den Werken von
Annegret Kellner sind hier bis heut noch viele Fragen offen geblieben, was eine
kritische Auseinandersetzung, wie sie auch die Künstlerin uns zeigt, ebenso
sinnvoll wie unabdingbar macht.
Die in der Timmeler Petrus und Paulus Kirche ausgestellten Arbeiten von
Annegret Kellner können letztmalig am kommenden Sonnabend und Sonntag zwischen
13 und 18 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt ist kostenlos.